Wenn Dein Kind stirbt ….

… und nichts mehr so ist, wie es war oder sein sollte

Ich beschäftige mich als Journalistin seit mehr als einem Jahrzehnt mit Menschen, deren Leben von einem Moment auf den anderen auseinanderbricht: durch eine Diagnose, durch einen Unfall, durch einen Verlust. In diesem Moment hilft kein Besänftigen, kein Leugnen oder Mitleid. Das einzige, was einen Weg der Verarbeitung bieten kann, ist ein offenes Ohr. Oder ein Blatt Papier, um alles niederzuschreiben, was in einem ist, was um einen ist, was hinter und was vor einem liegt. Genau das hat Petra Schaub in dem Buch getan „Dieser Stern am Himmel ist meiner, er trägt den Namen Sina“ . Auf sehr berührende Art und Weise. Offen, direkt, ehrlich. Sie hat dadurch eine Möglichkeit gefunden, mit dem schlimmsten Verlust leben zu können, den eine Mutter treffen kann.

Sina_Mikro
Sina wollte immer ein Star sein

Meine pubertierende zwölfjährige Tochter, gesund und glücklich, kränkelte plötzlich mit Husten und Schnupfen. Ich fuhr mit ihr zum Hausarzt und, als es dramatisch schlimmer wurde, zur Notfallstation. Sie bekam Medikamente gegen das Erbrechen und wir wurden nach Hause geschickt. Dort starb mein krampfendes, nicht mehr ansprechbares Kind nur eineinhalb Stunden später in meinen Armen.

Eine Ode an das Leben

In dem Buch verarbeitet Petra Schaub Schritt für Schritt, Seite für Seite den unfassbaren Tod ihrer Tochter Sina. Und sie gibt allen, die einen ähnlichen Verlust erleiden müssen, einen wertvollen Ratgeber an die Hand. Denn auch wenn es in dem Buch um den Tod geht, ist Petra Schaub eine Ode an das Leben gelungen.

Und auch wenn ich schon viele Bücher gelesen habe, in denen Menschen darüber schreiben, was ein Verlust in ihnen ausgelöst hat und wie sie gelernt haben, damit zu leben, hat mich Petra Schaubs Buch ganz besonders berührt. Was bestimmt damit zusammenhängt, dass meine Tochter gerade zwölf Jahre alt ist, dass ich als Mama diese Liebe nachvollziehen und mir diesen unsagbaren Schmerz vorstellen kann. So real, dass ich erst gezögert habe, das Buch zu lesen. Und ich muss gestehen, an einigen Stellen haben mich die Tränen überwältigt. Und mein Interesse wuchs, die Frau, die diesen Wahnsinnsverlust erlitten und beschrieben hat, näher kennenlernen zu wollen und ihr einige Fragen zu stellen.

„Mami, ich sterbe“

Interview mit einer Mutter über den Verlust der Tochter

unvergessliche Momente: Petra Schaub mit Sina
unvergessliche Momente: Petra Schaub mit Sina

Können Sie beschreiben, wie es Ihnen nach dem Tod Ihrer Tochter ging?
Alles war weg. Ich verspürte Dunkelheit, Kälte und unendliche Traurigkeit, mein Herz tat nur noch weh. Ich konnte nicht begreifen, was geschehen ist. Ich verspürte keinen Hunger, keine Müdigkeit mehr. Ich aß, wenn es mir aufgetragen wurde. Ich ging zu Bett, weil alle ins Bett gingen. Für eine Zeit vergaß ich, wieso ich noch hier bin. Ich wollte meiner Tochter folgen, Sina nahe sein.

Was hat Sie zum Schreiben veranlasst?
Den Grund, ein Buch zu schreiben, hat mir meine Tochter gegeben, sie hat mich regelrecht dazu herausgefordert. Ich musste beschreiben, wie sie war und wer sie war, ihr eigensinniges Wesen, ihre Leichtigkeit, mit dem Leben klar zu kommen. Sina wollte immer ein Star sein, so habe ich sie zu dem Stern am Himmel gemacht.

Der Abend, bevor Sina starb, den wollte ich festhalten. Was sie und ich zuvor zusammen überstanden haben, glich einem Marathon, einem Albtraum. So viele Leute haben uns nach Sinas Tod begleitet, uns Trost und Kraft gegeben. Wir konnten alle nicht verstehen, was geschehen war. Jeder sagte nur immer wieder fassungslos: „Das gibt es nicht!“ Keine Woche später, ganz plötzlich, sagte ich: „Ich schreibe ein Buch darüber!“ Erst nach zwei Jahren kam mir dies wieder in den Sinn und ich verspürte den Drang zum Schreiben.

„Meine Geschichte über meine Tochter“

Was hat das Schreiben in Ihnen ausgelöst?
Das Schreiben hat mir gezeigt, dass ich, zwar nicht den Tod, aber Sinas Weg akzeptieren kann. Es hat mir Frieden gegeben. Heute brauche ich keinen Schuldigen mehr, ich lege den Fokus nicht mehr auf „wie es geschah“, wie Sina und ich im Stich gelassen wurden. Dieses Buch, gibt mir ein beruhigendes Gefühl. Wenn ich alt werde und vieles vergesse, können mir meine Kinder meine Geschichte über meine Tochter vorlesen.

Petra Schaub schrieb über den Tod ihrer Tochter, über Trauer, Verlust und das Geschenk, Mama sein zu dürfen
Petra Schaub schrieb über den Tod ihrer Tochter, über Trauer und das Geschenk, Mama sein zu dürfen

Ich möchte Menschen mit einem Schicksal Mut machen, ihren Weg zu sehen und zu gehen, denn ich weiß, es gibt ihn. Die Arbeit an und mit meinem Buch hat bei mir noch einen weiteren Wunsch ausgelöst, den ich sicher im Auge behalten werde, denn ich könnte mir durchaus vorstellen, in einem Kinderhospiz zu arbeiten. Einen Tag als freiwilliger Mitarbeiter helfen, wo ich gebraucht werde.

Wie hat Sie der Verlust Ihrer Tochter verändert?
Ich bin sicher nachdenklicher geworden, noch geduldiger, habe großes Verständnis und viel Toleranz. Natürlich habe ich heute auch noch Phasen, in denen ich traurig bin und weine, Nächte, in denen ich nicht schlafen kann, doch diese Phasen hat meine Sina verdient.
Durch das Schreiben habe ich meinen Zwang zur Perfektion im Haushalt verloren, ich kann gut Fünfe gerade sein lassen, denn ich hatte und habe einfach nicht mehr die Zeit dazu, immer alles perfekt aufgeräumt, staubgesaugt und geputzt zu haben.

„Heilender Verstand der Kinder gab mir mein Lächeln zurück“

Sie schreiben vom “heilenden Verstand der Kinder”. Können Sie dieses Bild erklären? 

Ich sehe das Bild, die Situation noch genau vor mir: „Mein Sohn Mike legt sich ins Bett, kuschelt sich ein, nimmt Sinas „Schingi“ (Plüschpanda) in den Arm, erzählt, dass er sich jeden Abend einen schönen Augenblick mit Sina vorstellt, etwas, was sie miteinander erlebt haben und dann schläft er ein.

Damals wurde mir klar: Ein Kind denkt so oft positiv, denn der Verstand sagt ihm nicht, dass es schon so oft auf die Nase gefallen ist.
Die heilende Wirkung ist, dass er es schaffte, den Tod von seiner Schwester so anzunehmen. Wenn er an sie denkt, denkt er positiv, denkt er an etwas Schönes. Sie fehlt ihm wie mir, er denkt an sie wie ich, er liebt sie wie ich, aber er schläft mit einem wohltuenden Lächeln ein.

Wir Erwachsenen denken doch so oft von vorne herein negativ. Nach dem Verlust, Tod von einem Kind, denken wir Mamis sogar, wir dürfen gar nicht mehr positiv denken, jeder Gedanke tut deftig, mitten, ganz tief in unseren Mami-Herzen weh. Und wenn wir doch einmal lächeln, dann nur ganz zögern, denn eigentlich darf man als verwaiste Mama nicht mehr lächeln.

Und da lernte ich eine wesentliche Lektion von meinem Sohn. Ich lernte, Sinas Weg zu verstehen und zu akzeptieren und dann lernte ich wieder zu lächeln.

Wenn Sie heute an Ihre Tochter denken, welches Bild kommt Ihnen in den Sinn?

unverwechselbar: Sina
unverwechselbar: Sina

Ihr verschmitztes  Lächeln, mit ihren ehrlichen Augen. Und ich höre immer wieder den Satz: „Mami, ich sterbe.“ ich wünschte, es wäre ein anderer Satz. Aber dieser Satz, den sie mir in ihren letzten Minuten sagte, der hat sich eingebrannt. Ich würde sie so gerne noch einmal in meine Arme schließen, einfach noch einmal halten, ihr einen Kuss geben. Aber ich habe gelernt, ihren Weg zu akzeptieren, und bin sehr stolz darauf, dass ich ihre Mami sein durfte.

Was möchten Sie mit Ihrem Buch vermitteln?
Es gibt immer einen Weg, lerne ihn zu sehen und gehe ihn.

 

Veröffentlicht von

Raphaela Kreitmeir

Was mich interessiert, sind Menschen. Worüber sie nachdenken, was sie antreibt, wie sie leben. Und was ihnen dabei hilft, nach einer lebensverändernden Diagnose, in einer Krisensituation Orientierung zu finden. Daher schreibe ich über Psychologie und Medizin, erkläre Studien, Wirkstoffe und Tools. Vor allem aber schreibe ich über Menschen. Denn jedes Leben ist reich an Erfahrungen.

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